Auf der Nordseeinsel Borkum, unmittelbar hinter den Dünen am Südstrand, liegt ein bemerkenswerter naturnaher Friedhof. Die Anlage wurde 2019 mit trockenheitsresistenten Pflanzen gestaltet, die sowohl das raue Nordseeklima als auch den nährstoffarmen Sandboden tolerieren. Die Nähe zum Meer stellt hohe Anforderungen an die Vegetation – und macht die Anlage zugleich zu einem besonderen Ort.
Maritime Gestaltung mit Symbolkraft
”Ruhen inmitten der Wogen” so lautet das Motto dieses Urnenfeldes. Hier gibt es keine abgegrenzten Einzelgräber. Die Urnen sind in lockerer Anordnung über das gesamte Gräberfeld verteilt. Die Stelen mit den persönlichen Daten der Verstorbenen sind einheitlich aus Cortenstahl gestaltet, deren seitliche Elemente als Engelsflügel gedeutet werden können. Zusätzlicher Grabschmuck findet sich kaum, schmale Röhrenvasen an den Stelen laden dazu ein, einzelne Blüten abzulegen.
Die Gestaltung des Feldes greift maritime Motive auf. So findet man zwischen den einzelnen Urnengräbern einen alten, großen Anker. Die Fläche um den Anker herum dient als Ablagefläche für Blumen, die von Angehörigen mitgebracht werden. Eine Sitzgelegenheit in Form eines Schiffsrumpfes aus Lärchenholz bildet das Zentrum der Anlage. Mit einem großen Holzkreuz in der Mitte, das auch den Mast des Schiffes symbolisiert, und einfachen Holzbänken lädt der Bereich zur Andacht, zum Innehalten und stillen Verweilen ein.
Pflegeleichte Anlage als ”Muschelbeet”
Die Bepflanzung orientiert sich an den Prinzipien eines Kiesbeetes – statt Kies werden allerdings kleine Muscheln zur Mulchung verwendet. Das Urnenfeld ist dadurch relativ pflegeleicht angelegt und entlastet die Angehörigen von einer aufwändigen Grabpflege. Gerade für ältere oder alleinstehende Menschen kann dies eine erhebliche Erleichterung bedeuten.
Bei der Auswahl der Pflanzen wurde auf die Widerstandsfähigkeit im rauen Klima und den geringen Pflegeaufwand Rücksicht genommen. Im Frühjahr zeigten sich schon einige blühende Stauden, wobei die ganze Schönheit dieser Anlage wohl erst im Laufe des Sommer deutlich wird. Unter anderen konnte ich dort das filzige Hornkraut, Lichtnelken, Zierlauch, fette Henne, Rosmarin, Storchenschnabel (Geranium sanguineum), Katzenminze und Lithodora (Steinsame) erkennen – Pflanzen die Insekten anlocken und ihnen viel Nahrung bieten.
Wer möchte, kann bereits zu Lebzeiten ein Urnengrab erwerben. Die Anlage steht Insulanerinnen und Insulanern ebenso offen wie Gästen. Eine Bindung an eine bestimmte Konfession besteht nicht. Die Pflege übernimmt die evangelische Kirchengemeinde vor Ort.
Wandel der Bestattungskultur
Der ältere Teil des Friedhofes mit seine Grabfeldern für die Sargbestattung spiegelt den Wandel der Beerdigungskultur in den letzten Jahrzehnten wieder. Die Bestattung im Sarg ist zahlenmäßig deutlich zurückgegangen und alternative Beerdigungsmöglichkeiten sind zunehmend gefragt. Dadurch ist hier viel Platz freigeworden und Fasan und Kaninchen tummeln sich zwischen den einzelnen, übrig gebliebenen Gräbern.
Ein Konzept zur Nachahmung
„Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen“ lautete das mit EU-Mitteln geförderte Projekt der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Insgesamt konnten neun Kirchengemeinden an diesem Projekt in Niedersachsen teilnehmen.
„Ruhen inmitten der Wogen” verbindet zukunftsweisende Ideen auf beispielhafte Weise: Das Urnenfeld entspricht dem wachsenden Wunsch nach naturnahen Bestattungsformen, entlastet Angehörige von Pflegeaufwand und fördert durch einheimische, insektenfreundliche Pflanzen aktiv die Biodiversität. Ein Ansatz, der weit über Borkum hinaus Schule machen sollte.




















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